Alles von der Tonne! Alles für die Tonne?

Ein Erfahrungsbericht von anonym –

In deutschen Privathaushalten landen jährlich 4,4 Millionen Tonnen Lebensmittel im Mülleimer, bei Supermärkten sollen es sogar insgesamt 18 Millionen Tonnen sein. Das Schlimme dabei: Die meisten dieser Lebensmittel sind noch genießbar, haben lediglich Druckstellen oder sehen farblich nicht mehr “perfekt” aus. Diese verstoßenen Lebensmittel zu retten, ist die Mission von Personen die “containern” gehen.

Es ist abends kurz nach 22 Uhr, mit dem Rucksack und zwei Beuteln wird sich aufs Rad geschwungen und der erste Supermarkt angesteuert. Jetzt, kurz nach Ladenschluss, sind die Chancen am besten, unbemerkt Lebensmittel aus dem Müllcontainern fischen zu können.

Von Tonne zu Tonne, von Markt zu Markt füllen sich meine Taschen. Ja, ich bin wählerisch. Es wird nicht alles mitgenommen was geht, sondern nur das, was ich selbst verwerten kann und will. Und das ist meist gar nicht so viel. Denn wenn am Ende doch wieder etwas in den Müll zurückwandert, ist der Sinn verfehlt, weshalb ich den Containern abends überhaupt einen Besuch abstatte. Außerdem bleibt so für eventuell Nachfolgende etwas übrig. Denn im Gegensatz zu Berlin oder anderen Großstädten wo es „hipp“ ist Lebensmittel zu “retten”, ist es anderswo (in Wismar) eher so, dass besonders die Leute containern gehen, die wenig Geld haben, die sich nicht eben bei Edeka für 1,50 Euro einen Saft kaufen können und mit hoher Wahrscheinlichkeit auch nur dank der Tafel und deren Lebensmittelspenden über die Runden kommen.

Aber ist es nicht eklig, aus Mülleimern und -containern Lebensmittel zu sammeln? Ab und an ja. Im Sommer, wenn die Sonne den ganzen Tag auf die schwarze Tonne knallt ist der Geruch schon mal abstoßend, aber im Großen und Ganzen ist das eher die Ausnahme.

Waren, die ein abgelaufenes Verfalls- oder Verbrauchsdatum haben (z.B. Hackfleisch), sollte man von Vornherein links liegen lassen. Sie sind meist ungenießbar! Im Gegensatz dazu können Lebensmittel mit abgelaufenem Mindesthaltbarkeitsdatum noch sehr lange haltbar und ach genießbar sein. Sie dürften theoretisch sogar weiterhin verkauft werden, wenn der Verkäufer sich davon überzeugt hat, dass sie noch “einwandfrei” sind. Da mit dem Alter aber meist der Geschmack und auch das Aussehen nicht besser werden, fallen sie aus dem Raster der Kundenwünsche und landen im Müll.

Aus Erfahrung sollte man sich beim Containern auf seine Sinne verlassen. Riechen und mit der Stirnlampe genau anschauen hilft, wirklich schlechte oder bereits schimmelige Waren zu identifizieren und auszusortieren. Und man sollte seinen siebten Sinn nicht unterschätzen. Fühlst du dich bei einer Tonne nicht wohl, fahre weiter. Denn “Mülltauchen”, wie Containern oftmals in der Politik genannt wird, ist in Deutschland eine rechtliche Grauzone. Generell kann man zwar davon ausgehen, dass der Eigentümer kein Interesse mehr an Dingen hat, die er selbst in die Mülltonne wirft. Dennoch stehen die Abfallcontainer oft noch auf dem Grundstück des Marktes – sind vielleicht sogar eingezäunt oder mit einem Vorhängeschloss gesichert. Wenn man erwischt wird und die Marktleitung rigide ist, kann das schon mal zu einer Anzeige wegen Landfriedensbruch führen. Oftmals gehören die Tonnen jedoch nicht mal mehr den Handelsketten, sondern Müllverwertungsunternehmen. Sie verheizen die Abfälle in Brennanlagen zur Energiegewinnung oder vergären den Biomüll in Biogasanlagen. Damit ist man dann des Diebstahls angeklagt.

Noch Anfang des Jahres sah ein Münchner Staatsanwalt im Öffnen einer Tonne mit einem Vierkantschlüssel einen schweren Fall des Diebstahls, obwohl der zuständige Marktleiter alle Anzeigen zurückgezogen hatte. Die beiden betroffenen Studentinnen mussten als Strafe acht Stunden gemeinnützige Arbeit bei der Tafel leisten. Welch Ironie.

Doch der Fall hat Wellen geschlagen. Das öffentliche Interesse war riesig, der Fall ging durch alle Medien. Auch die Politik scheint aufmerksam geworden zu sein. So schlug Renate Künast von den Grünen unlängst vor, Lebensmittelvernichtung nach dem Vorbild Frankreichs zu unterbinden. Bereits einige Supermärkte stellen Waren, deren Mindesthaltbarkeitsdatum bald erreicht ist in ein gesondertes Kühlregal und verkaufen sie mit Rabatten bis zu 50 Prozent, anstatt sie direkt zu entsorgen. So ist es schon dem “ normalen” Konsumenten möglich etwas gegen die Lebensmittelverschwendung zu tun, indem man einen Blick in dieses Regal wirft und seine Planung für das Abendessen dem dortigen Angebot entsprechend anpasst. Andere Märkte kommen den Sammlern entgegen, indem sie alles, was nicht mehr verkauft oder gespendet werden kann und dennoch genießbar ist, in einer Obstkiste sammeln und diese neben den Abfallcontainer stellen.

Zuhause angekommen beginnt die Nacharbeit, der gesamte Fund wird auf dem Tisch ausgebreitet, geputzt und eingeräumt oder gleich verarbeitet. So wird ein Teil der Früchte gleich zum Smoothie für den nächsten Morgen oder mit Vanilleeis verputzt.

Und Containern hört nicht bei Lebensmitteln auf, auch Baumärkte haben große Container in denen Holzabfälle und -verschnitt oder auch welkige Pflanzen verschwinden. Hier lohnt sich ebenfalls ein Blick. Die verwelkten Blüten abgeschnitten und schon sehen die Primeln aus dem Müll super im Vorgarten aus – und das für Lau.

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