Wie viel Mafiaboss steckt in Prof. Krohn?

Ein Interview geführt von Rebekka Jochem –

Er ist das Baugerüst eines Mädchenwohnheims hochgeklettert, hat an einer künstlichen Leber mitentwickelt und wird schon mal mit Tony Soprano verwechselt. Herr Prof. Krohn erzählt von seiner Studienzeit und warum er versucht, Studierenden mehr beizubringen als bloße Elektrotechnik.

Wir treffen uns mit ihm im Mechatronik-Labor, seinem Lieblingsort an der Hochschule. Er holt, trotz gefühlten 30 Grad Außentemperatur, seine Thermoskanne mit Tee raus. Ohne die ist er nie an der Hochschule anzutreffen. Er scherzt, dass seine Frau ihn morgens noch ermahnt hätte, nicht so viele alte Kamellen zu erzählen. Mal schauen wie lange er durchhält.

Herr Krohn, in einer Evaluation wurde Ihnen einmal gesagt, dass Sie an Tony Soprano von den Sopranos erinnern, würden Sie da zustimmen?

Ich habe mir extra die DVD Box bei meiner Schwester geborgt, sie hat die Soprano Saga zu Hause. Das hat mich damals überrascht – wie Tony Soprano? Ich konnte das nicht einordnen. Ist das was Gutes oder was Schlechtes? Jetzt habe ich einige Folgen geguckt, ich weiß immer noch nicht so genau wie ich das werten soll. Sicherlich gibt es eine gewisse Ähnlichkeit in der Menge der Haare und vielleicht auch in einer grundsätzlichen Körperfülle aber wenn man sich jetzt vorstellt, der ist ja sozusagen der Mafiaboss, dann frage ich mich natürlich, was soll denn der Vergleich? (lacht)

Trotzdem sind Sie, ganz nach Bösewichtsmanier, in ihrer Studienzeit das Baugerüst eines Mädchenwohnheims hochgeklettert.

Einmal wurde das Wohnheim meiner Schwester saniert und ich wollte zu ihr. Ich kam nicht durch die Tür, weil sie mein Klingeln nicht gehört hat und was habe ich gemacht? Ich bin das Baugerüst hochgeklettert. Ich hab mich im Fenster geirrt und geklopft und da waren gerade die Eltern zu Besuch. Die Augen dieser Eltern waren überhaupt das aller Beste. Da klettert einer das Gerüst hoch, pocht gegen die Scheibe und die Mutter guckt und denkt, das kann doch wohl nicht wahr sein. Klischee perfekt. Aber ich war ordentlich bekleidet, also alles gut. Meine Schwester war eins weiter rechts, also hat sich dann auch alles aufgeklärt.

Wenn Sie Studenten unterrichten ist es Ihnen wichtig, dass Sie nicht nur Elektrotechnik vermitteln und die Studenten mehr mitbekommen. Warum?

In all diesen Fächern fließt ein bisschen Lebenserfahrung ein. Ich bin typisches Wendekind und habe das gesamte Wendegeschehen als Angehöriger des Militärs erlebt. Da gab es einige kuriose und aus heutiger Sicht auch äußerst bedenkliche Situationen. Es wurden Vorkehrungen getroffen, wo einem heute noch Angst und Bange wird. Wenn der Befehl gekommen wär‘, was hätte ich gemacht? Aber er ist zum Glück ja nicht gekommen.

Wie sind die Erinnerungen an Ihre Jugend in der DDR?

Als typisches DDR Kind mit glücklicher Kindheit bin ich aufgewachsen in diesem System. Wenn man systemkonform war und das waren auch einfach die allermeisten, dann war das ja alles nicht so schlimm wie einem das heute immer so erzählt wird. Wenn man aber nicht systemkonform war, dann war das durchaus eine richtige schlimme Sache.

Denken Sie da an ein konkretes Ereignis?

Ich erinnere mich daran, dass, als ich Abiturient war, die Familie eines Mitschülers von mir den Ausreiseantrag gestellt hat und mit diesem Tag auch dieser Mitschüler das Gymnasium nicht mehr besuchen durfte. Wir haben das alle so hingenommen. Ohne nachzufragen, ohne zu protestieren. Das ist unfassbar.

Sie haben in Rostock studiert und dort Ihre Promotion angefangen. Die Partys, die Sie in ihrer Studienzeit geschmissen haben sind heute noch berüchtigt. Wie kommt das?

Wer studiert Elektrotechnik? Das sind in der Regel die Herren und bei den Juristen gibt es sehr viele Mädels. Dadurch, dass meine Schwester zeitgleich in Rostock Jura studiert hat und ich Elektrotechnik, gab es öfter mal studentische Feten mit Juristininnen und Elektrotechnikern. Ich müsste jetzt mal genau nachzählen aber mindestens drei Ehen sind daraus entstanden, die auch heute noch bestehen. Wirklich, ungelogen.

Während der Promotion sind Sie dann aber zu Teraklin gegangen, wo Sie eine künstliche Leber mitentwickelt haben. Warum der Wechsel zu einem Startup?

Ich hab mich ganz bewusst für ein solches Unternehmen entschieden. Es ist ein äußerst befriedigendes Arbeiten, wenn sie den direkten Effekt des Helfens haben. Schwerst kranke Patienten die im Tiefstkoma liegen können dann durch diese Therapie nicht gleich geheilt, aber aus dem Koma wieder geholt werden. Ich glaube es gibt nichts in einem beruflichen Umfeld, dass mehr motiviert als solche Dinge.

die künstliche Leber namens MARS – Illustration: Rebekka Jochem

Sie waren nur relativ kurz in der freien Wirtschaft, obwohl das ja anscheinend eine sehr befriedigende Arbeit war, woran liegt das?

Ich habe schon sehr früh festgestellt, dass ich gerne unterrichte, erzähle, anderen Leuten versuche etwas zu erklären sodass sie das verstehen. Ich war viele Jahre Assistent an der Universität und da übernehmen Sie ja auch dann ein Teil der Lehre, das hat mir einfach immer sehr viel Spaß gemacht.

Irgendwann habe ich angefangen diese Ausschreibungen zu beobachten und es gab eine Ausschreibung hier an der Hochschule Wismar für Messen, Steuern, Regeln und Elektrotechnik. Ich bin jetzt 14 Jahre dabei und es ist immer noch mein Traumberuf. Total toll.

Sie sind sehr engagiert was die Selbstverwaltung der Hochschule angeht und haben Ämter in diversen Gremien. Ist es Ihnen wichtig, diesen Drang zur Selbstbestimmung auch in Studierenden zu fördern?

Es gibt eine Grundhaltung. Mit sich geschehen lassen oder selber zum Geschehen beitragen und mitbestimmen. Dieses Gefüge in dem wir uns alle so wohlfühlen ist nicht selbstverständlich. Entweder man schwimmt einfach mit oder man leistet seinen Beitrag dieses System wenigstens stabil zu halten oder positiv zu gestalten. Mein Engagement in der Selbstverwaltung ist ein kleiner Beitrag dafür, dass ich versuche die Dinge mitzugestalten und voran zu bringen.

Das sollten auch Studenten tun. Nicht umsonst sitze ich hier und verfasse Rundmails zur Wahl, erkläre nochmal wie die Wahl funktioniert oder bekehre in jeder Veranstaltung in der Nähe der Wahl die Studierenden wählen zu gehen. Es gibt nichts Schlimmeres als im Senat zu erleben, dass dort die studentischen Vertreter ankündigen, dass wahrscheinlich demnächst die studentischen Gremien nicht mehr arbeitsfähig sind, weil sich nicht genügend Studenten aufstellen lassen. Das ist unfassbar! Aber es geht ja jetzt gut aus.

Sie sind dafür berüchtigt, dass Ihre Fächer von den Maschinenbaufächern die arbeitsintensivsten sind. Sie erwarten viel von Ihren Studenten mit Zwischenprüfungen und praktischen Versuchen, die man bei Ihnen bestehen muss, um zur Klausur antreten zu dürfen.

Das ist ein zweischneidiges Schwert, ich kriege auch Rückkopplung von meinen Kolleginnen und Kollegen, die sich beschweren, das Studenten am Semesterende nur noch mit Elektrotechnik beschäftigt sind, sodass keine Zeit bleibt für TM (Technische Mechanik). Das gibt einem natürlich schon zu denken.

Es muss ein faires miteinander sein. Es ist unfair Studenten mit einer Arbeitslast zu überraschen. Wenn ich im Februar genau bekannt gebe was im Laufe des Semesters wann erwartet wird, mit den Protokollen, mit den Praktikumsversuchen oder den Assessments, kann man sich darauf einstellen. Zurück erinnert an das eigene Studentenleben, ist einem natürlich völlig klar, wie realtitätsnah das ist.

Sie selbst machen auch viel für die Hochschule; Sie sind Bereichsleiter vom Bereich Maschinenbau, Sie sind im Fakultätsrat, Sie sind im Senat Vorsitzender des Ausschusses für Großgeräte, Sie machen Ihre normale Lehre und Sie sind in der Schülerförderung engagiert. Wie bringen Sie das alles unter einen Hut?

Der Tag hat nur 24 Stunden. Man muss sich sehr gut organisieren und es bleibt wenig Zeit für Hobbies. Das Wichtigste ist, glaube ich, dass es Spaß macht. Wenn man Dinge gerne macht guckt man nicht so sehr auf die Zeit. Gleich danach kommt gut organisieren, effektiv sein. Und wenn es der Nachsatz in meinen Emails ist, ‚Bitte entschuldigen Sie falls die Email sehr knapp ausgefallen ist‘.

Was macht Ihnen am meisten Spaß von diesen Aufgaben?

(es ist eine Weile still) Vorlesungen, Lehre, Seminare.

Warum?

Ich freu mich sehr daran, wenn ich mitbekomme, dass auf der anderen Seite was ankommt. Das ankommt, dass Elektrotechnik auch was Tolles ist, dass es ohne Messen, Steuern & Regeln es nun doch nicht geht, dann macht mir das einfach Spaß.

(Für alle Nicht-Ingenieure: Elektrotechnik ist ein Nebenfach für Maschinenbauer, wenn es die Studierenden interessieren würde, würden sie Mechantronik studieren, entsprechend hält sich der Enthuasiasmus der Vorlesungsteilnehmer am Anfang in Grenzen.)

Oh Wunder, ich beneide auch häufig meinen Laboringenieur Herrn Oertel, sehr guter Mann, der darf all die Dinge machen, die mir auch so viel Spaß machen. Nochmal Löten, Programmieren, eine Schaltung zusammen bauen oder den Roboter zum Bewegen bringen oder den Fehler finden.

Sie hören jetzt auf als Bereichsleiter für Maschinenbau. Warum eigentlich?

Es sind jetzt drei einhalb Legislatur Perioden gewesen. Der Tag hat die 24 Stunden und wenn man täglich vier bis fünf davon als Bereichsleiter aufwendet dann leidet auch etwas darunter. Ich muss in der Lehre etwas tun, ich muss mich auch mal etwas intensiver um meine Familie kümmern können und ich würde auch gerne mal Dinge machen, die auch zu meinem Professorenamt dazu gehören, sowas wie die Forschung, die Entwicklung, die Kooperation mit der Industrie, auch mit Kollegen.

Das Zweite ist wenn man so lange Bereichsleiter ist, dann verfolgt man aus seiner eigenen Sicht das ganze Geschehen und dann ist es auch mal wichtig, dass frischer Wind reinkommt, jemand mit anderen Ideen oder andern Schwerpunkten. Wenn man irgendwann die Grenzen des Möglichen kennt, engt einen das auch unheimlich ein. Man nimmt sich nur Dinge vor die auch dort hineinpassen. Es muss eine Rotation geben. Ich bin gespannt, wie das wird.

Prof. Krohns Hund, wie er sich an der Papierflut aus dem Drucker labt – Illustration: Rebekka Jochem

Es gibt das Gerücht über Sie, dass Sie manchmal Emails mit etwas zerfleddertem Scan im Anhang verschicken. Was ist da los?

Das liegt an meinem Hund. Australian Shepherd, drei Jahre, 20 Kilo. Der Hund hat die Angewohnheit schon beim leisesten Geräusch des Druckers oder Scanners sich in Lauerstellung zu bringen und meistens dann das Blatt direkt nach dem Scannen, manchmal leider auch schon davor, als Beute anzusehen. Mit der Wichtigkeit des Dokumentes steigt auch der Leckerli, das beste Leckerli ist die teuerste Urkunde.


zur Person:

Prof. Dr.-Ing. Martin Krohn – Foto: Rebekka Jochem

Prof. Dr.-Ing. Martin Krohn unterrichtet die Fächer „Grundlagen der Elektrotechnik und elektrische Maschinen“, „Messen, Steuern, Regeln“ und „Mechatronik“ für Maschinenbau sowie Umwelt- und Verfahrenstechnik. Neben seiner normalen Lehre war er neun Jahre Bereichsleiter für den Bereich „Maschinenbau, Verfahrens- und Umwelttechnik“, zwölf Jahre im Fakultätsrat, beginnt gerade seine 5. Legislaturperiode im Senat, wurde zum Senatsvorsitzenden gewählt und ist in der Schülerförderung engagiert. In der Mensa isst er meist vegetarisch, da dort die Schlange am kürzesten ist.

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