Seine Karriere begann im Bordell

Ein Porträt von Samuel Lewek –

Er hat Altkanzler Helmut Schmidt, Till Lindemann von Rammstein und Prostituierte in Wismar porträtiert. Manfred W. Jürgens. Ein Maler, der seine Berufung in einer alten Kunstform gefunden hat: der realistischen Malerei im Stile der alten Meister.

30 DM, keine Versicherung, keinen Ausweis und kein Bankkonto – so kam Jürgens 1997 nach Wismar. Er war völlig abgestürzt nach einer Scheidung von seiner Frau und durfte nicht einmal mehr seinen Sohn sehen. Er hatte nur diesen einen Traum: er müsse nach Wismar ziehen, um die „Huren im Puff” zu malen.

Die Damen des Bordells – von Manfred W. Jürgens

Über ein Jahr war er jeden Tag dort, redete mit ihnen und lernte sie kennen. „Die Geschichten, die die Frauen mir dort erzählten, waren natürlich tausendmal schlimmer als dieses bisschen Leid, was ich erfahren hatte. Das war nichts gegenüber dem was diese jungen Dinger erlebt haben.“ Auf den entstandenen sechs Porträts haben die Huren hinter den halbseidenen BHs und Slips so viel Persönlichkeit, dass man die Reizwäsche nach kurzer Zeit einfach wegdenkt. Da, ein offener, trauriger Blick – dort, eine skeptische Stirnfalte. Fast nichts ist aufgesetzt. Die entstandene Freundschaft aus dieser intensiven Zeit hält noch heute an. Es war Jürgens erste Ausstellung im Baumhaus in Wismar. Niemand hätte geahnt, dass er 15 Jahre später auch Helmut Schmidt porträtieren würde.

Die Damen des Bordells – von Manfred W. Jürgens

Jürgens wurde 1956 in Grevesmühlen bei Wismar geboren. Er erzählt noch heute von seinen Besuchen in Dresden, wo er als sechsjähriger Junge von seinen Großeltern in der Gemäldegalerie beim Pförtner abgegeben wurde und stundenlang vor ausgesuchten Bildern stand. Er malte viel, fuhr nach der Schule jedoch erste einmal drei Jahre zur See und lernte danach Anstreicher, um etwas „richtiges“ in der Tasche zu haben. Erst mit 29 schaffte er es endlich das zu machen, was er wollte: Er studierte in Berlin Kommunikationsdesign mit der Vertiefung Wissenschaftsgrafik und Fotografie an einer der wenigen Design-Hochschulen in der DDR, der Fachschule für Werbung und Gestaltung in Berlin. Schnell musste Jürgens aber feststellen, dass kein malerisches Handwerk mehr vermittelt wurde, weswegen er sich eigenständig weiter bildete und sich Praktika bei seinen Vorbildern in der Stadt organisierte.

Jürgens malt kleine und große Porträts, nicht nur von bekannten wie Till Lindemann, den Sänger von Rammstein, sondern auch von der 90-jährigen Nachbarin, welche ihn mit Kuchen bezahlt. Schon viele haben jedoch über seine realistische Malerei die Nase gerümpft. Porträtaufträge dauern häufig drei Jahre – unverschämt viel Zeit in einer Gesellschaft, die schnellstmöglich Ergebnisse erwartet. Er sieht seine Malerei als ein Rückzug von der Schnelllebigkeit und der zunehmenden Inhaltslosigkeit. „Da möchte ich etwas gegen setzten. Ich will, dass es eine gewisse Ruhe bringt. Auch mir.“

Er könne auch andere künstlerische Ausdrucksformen, abstraktere. „… Aber es langweilt mich zutiefst. Jede Malerei ist eine Abstraktion, auch der Realismus ist eine Form von Abstraktion, obwohl ich das Wort Realismus scheußlich finde. Weil da ein »muss« drinnen ist. Keiner »muss«.“

Viel von seiner Haltung steckt auch in dem von ihm entwickelten Konzept der Ein-Bild-Ausstellung. Die Idee entstand mit der Arbeit an einem Porträt der Kneipenoma Erna Thomsen aus Hamburg. Diese hatte 1949 in einer Reeperbahn-Seitenstraße ihre Kneipe gegründet (den Silbersack) und betrieb diese über 60 Jahre lang, auch nach dem Tod ihres Mannes 1957 alleine weiter. Waren die Gäste früher noch Hafenarbeiter und Walfänger, wurden es mit der Jahrtausendwende eher Fußballfans und Partygänger. Jürgens hat die alte Dame verewigt. „Da habe ich gedacht: da stellen wir die Staffelei in die Kneipe, das Bild darauf und sagen das ist eine Ausstellung. Da kamen dann so um die 400 Leute. Jede Stunde wechselte das Publikum. Das war klasse.“ Der MDR berichtete über das ungewöhnliche Porträt und Astra sponserte das Bier.

Hamburgs Kneipenlegende Erna Thomsen – von Manfred W. Jürgens

Hinter dem Konzept der Ein-Bild-Ausstellung steckt mehr als nur Faulheit. Jürgens hat Angst vor Publikum. Bei Ausstellungseröffnungen geht er zitternd auf die Bühne, will die Rede aber dennoch selbst halten. „Ich mag nicht, dass irgendwelche klugen Kunsthistoriker auf einer Ausstellung einen dann hoch loben zu einem Status, den man nie erreichen wird. Und dann hab ich gesagt, ich mache auf Ausstellungseröffnungen das selbst. Dann mache ich mich über mich selbst lustig, erzähl ein paar Geschichten zu den Bildern und dann hat sich das.“

Das Konzept ist Ausdruck einer Suche nach Einfachheit und Tiefe. „Das Ding ist eben, dieses eine Bild muss stark genug sein, um dem Anspruch des Publikums zu widerstehen und dem gerecht zu werden. Das muss substanzvoll sein.“

Stillleben malt Jürgens als Kontrast. „Jetzt hast du dich fünf Monate mit Till Lindemann auseinandergesetzt, dann will ich mich auch nicht mit dem nächsten Psychogramm des nächsten Menschen auseinandersetzten und dann male ich einen Kohlrabi.“

Genau wie die Porträts werden die Stillleben Ebene für Ebene minutiös durchgeplant und inszeniert, um sie dann in altmeisterlicher Lasurtechnik auf die zuvor im Keller selbstgefertigten Holztafeln zu malen. Alle Vorlagen werden vernichtet. Das sind meist digitale Foto-Kompositionen in Photoshop – Zeichnen mag er nicht. Fotografieren ist sein Skizzieren. So wird nur der Entstehungsprozess fotografisch dokumentiert. „Mich interessiert nur das fertige Bild. Das möchte ich hinterlassen. Das sollte zumindest so sein, dass ich damit zufrieden bin.“

Wenn er sich nicht gerade beim Arbeiten Die Zeit, das Gesamtwerk von Shakespeare oder Faust I & II vorlesen lässt, hört er nach eigener Aussage „500 Jahre Musik“, sammelt alles, was ihm unter den Nagel kommt und macht selbst als DJ „Saurier-Disko“ auf Volksfesten. Was er letztens stark fand: Tortuga von Mr. Hurley & Die Pulveraffen. „Die machen völlig beknackte Seemanns-Polka-Musik, machen aber Stimmung!“

Portrait des Helmut Schmidt – von Manfred W. Jürgens

Jürgens großer Glücksfall war, dass Helmut Schmidt sich 2012 hatte von ihm malen lassen. Er saß spät nachts mit ein paar Freunden in Hamburg in einer Kneipe. Einer von ihnen war Journalist und hatte am nächsten Morgen ein Interview mit Schmidt. Er fragte in die Runde, ob noch jemandem eine gute Frage einfällt. „Frag ihn doch, ob er sich von mir malen lässt!“ Sagte Jürgens und damit saß er ein paar Tage später im Büro des Altbundeskanzlers im Zeit-Verlag in Hamburg, um über das geplante Porträt zu reden. Der 95-jährige saß noch fit und hellwach hinter seinem Schreibtisch und hatte sich für das Porträt so unvorteilhaft wie möglich zurechtgemacht. Das letzte autorisierte Porträt hatte Bernhard Heisig für die Galerie des Kanzleramts 1986 gemalt und nun, fast 30 Jahre später, saß Schmidt vor Jürgens und machte ihm mit jeder Geste deutlich, dass er keinen Grund für ein weiteres sähe. „Das war die stärkste Persönlichkeit, die mir je begegnet ist. Ich dachte, jetzt will ich wissen, ob ich dem gewachsen bin. Wahrscheinlich war das die Grundidee für dieses Bild: bin ich dem geistig gewachsen.“

Jürgens hatte sich für diesen Tag gut vorbereitet und war über jede politische Entscheidung, welche Schmidt in seiner Karriere getroffen hatte, informiert. Doch das entscheidende Argument, welches den agilen Politiker letzten Endes überzeugte, waren nicht die Wörter, sondern das Schweigen. „Irgendwann hab ich dann gedacht, Jürgens, jetzt hältst du die Fresse, gehst ganz dicht an diesen Schmidt heran, auf Augenhöhe, und dann haben wir uns zwei Minuten ohne zu blinzeln angeguckt. Es war wie ein Hahnenkampf.“ Und weil Jürgens gut zu Hause vor dem Spiegel geübt hatte und nicht locker ließ, gab Schmidt nach.

Zur Präsentation des fertigen Gemäldes bekam Schmidt die Retour. Als dieser morgens in sein Büro kam, stand das Gemälde verhüllt an der Seite und erst nach einer halben Stunde lüftete Jürgens das Tuch. Es ist allgemein bekannt, dass Schmidt nie lobt. Sein einziger Kommentar war: „Den Kerl da haben Sie Jünger gemalt.“ Es hat ihm gefallen.

Bei Jürgens ist alles aus seiner Hand. So wie er die Bilder selbst inszeniert und die Malgründe selbst baut, hat er seine eigene Galerie im Erdgeschoss und schreibt seine eigene Webseite. Bei der Vermarktung bekommt er viel Unterstützung von seiner Frau Bärbel Koppe. Sie ist seit 2012 Professorin für Wasserbau an der Hochschule Bremen. „Von Kunst leben? Ich kann es gar nicht. Wenn es Bärbel nicht geben würde, wäre ich daran verhungert. Wir verkaufen nur so viel, wie wir zum Leben brauchen.“ Sie ist seine Muse, die er oft fragt, wohin er etwas verlegt hat. „Wir können uns stundenlang, wenn ich eine Idee habe und anfange zu zeichnen, um einen Strich streiten. Ob der so ein Stückchen höher oder tiefer oder schräg muss.“

Die beiden wohnen nach zehn Jahren Hamburg, Bremen und Ausland inzwischen wieder in ihrer Wahlheimat Wismar. So wie Jürgens Karriere in Wismar begonnen hatte, so ist er nun wieder zurückgekommen. Sie haben eine große Villa mit Garten, in welchem Petersilie und Schnittlauch in Hochbeeten gezüchtet werden. Überall im Haus schauen einen tote Fische, melancholische Kühe, stolze Hähne und verschiedene Menschen von Stillleben und Porträts von den Wänden aus an. Jürgens hat den Eindruck, es gehe mit seinen 61 Jahren gerade erst wieder los. Und den BP Portrait Award, den weltweit bedeutendste Preis in der Porträtmalerei, würde er gerne mal gewinnen. Er war schon einige Male kurz davor – unter den ersten hundert – aber gewonnen hat er bisher noch nicht.


Wie funktioniert die Lasurtechnik?

Beim lasierenden Malen werden dünne Farbschichten übereinandergelegt, wodurch transparente, aber stark leuchtende Farbtöne und eine große Tiefenwirkung entstehen. Das grundlegende Prinzip beruht auf der Trennung von Form und Farbe: zunächst wird die Form mit einer Imprimatur (farbige Grundierungen von Ölgemälden) angelegt – das Bild ist also zuerst rot-weiß/grün-weiß/schwarz-weiß gefärbt und dann kommt die Farbe in dünnen Schichten hinzu.

Beispiel der einzelnen Schichten der Lasurtechnik
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